Zwischen Herzenswärme, Herausforderungen und unvergesslichen Begegnungen
Jede Reise nach Loolepo fühlt sich an wie eine Heimkehr. Seit vielen Jahren begleitet Tuko Pamoja Kenya e.V. die Entwicklung der Maasai-Community und der Loolepo Comprehensive School. Aus einem Hilfsprojekt ist längst eine enge Verbundenheit entstanden. Als ich die Masai zum ersten Mal besuchte gaben sie mir den Maasai-Namen Nashipai . Er bedeutet“ Happiness“, Glück, Freude. Sie sagten, ich hätte vom ersten Tag an glücklich ausgesehen. Damals wusste ich noch nicht, wie sehr dieser Ort mein Leben verändern würde. Heute weiß ich: sie hatten recht. Ein Teil meines Glücks ist in Loolepo geblieben. Ich werde heute als Teil ihrer Gemeinschaft angesehen.
Wenn mich heute jemand fragt, warum ich immer wieder nach Loolepo reise, lautet meine Antwort ganz einfach: Weil ich dort eine zweite Heimat gefunden habe.“ Seit 2012 engagiere ich mich mit Tuko Pamoja Kenya e.V. ehrenamtlich in Kenia. Was einst mit einzelnen Hilfsprojekten begann, ist im Laufe der Jahre zu einer tiefen Verbundenheit mit den Menschen geworden. Seit 2018 fördert der Verein die Entwicklung der Maasai-Community in Loolepo. Gemeinsam konnten wir eine Primary School und später eine Comprehensive School errichten. Mein Maasai Name Nashipai ist nicht nur ein Zeichen ihres Vertrauens und ihrer Wertschätzung. Für mich bedeutet dieser Name sehr viel. Er erinnert mich jeden Tag daran, Verantwortung zu übernehmen und dem Vertrauen der Menschen gerecht zu werden. In diesem Jahr durfte ich gemeinsam mit meiner Arbeitskollegin und Freundin Birgit P. nach Loolepo reisen – ihr erster Aufenthalt auf dem afrikanischen Kontinent. Für einige Stunden begleitete uns außerdem eine langjährige Unterstützerin unseres Vereins, Helga L. mit ihrem Ehemann. Mit unermüdlichem Einsatz hatte sie – wie schon so oft – in ihrer Heimat Geld-, Sach- und Kleiderspenden gesammelt. Dank der großartigen Unterstützung unserer Mitglieder, Patinnen, Paten und Spender machten wir uns mit fast 300 Kilogramm Hilfsgütern auf den Weg.




Schon die Anreise machte deutlich, dass in Kenia nicht immer nur die großen Entfernungen eine Herausforderung sind. Auf der langen Fahrt von Ukunda nach Loolepo wurden wir immer wieder( insgesamt 8!) von Polizeikontrollen angehalten. Mehrfach wurden wir unverhohlen aufgefordert, Geld zu bezahlen. In einer Situation eskalierte die Lage beinahe. Weil ich mich weigerte, Bestechungsgeld zu zahlen und stattdessen auf die kenianische Verfassung verwies, drohte ein Polizist sogar kurzfristig mit unserer Festnahme. Für meine Mitreisenden war dies ein Schock. Da niemand außer mir Englisch sprach, fühlten sie sich in dieser Situation hilflos. Mitten in der Nacht ohne Fahrer und mich auf einer der gefährlichste Autobahnen der Welt, wäre möglicherweise verheerend gewesen. Letztlich konnten wir unsere Reise fortsetzen – mit einem mulmigen Gefühl, aber auch mit der Gewissheit, den richtigen Weg gewählt zu haben.
Vor unserer Ankunft kauften wir auf dem Markt in Loitokitok noch 50 Wassermelonen, 350 Bananen und zahlreiche Mangos für die Schulkinder sowie 100 Kilogramm Zucker, 50 Kilogramm Seife und 10 Kilogramm Tee als Geschenk für die Frauen der Community. Der Wagen war mehr als überfüllt, einige der Melonen hat unsere Vorhut, der Bruder von Mark, der unseren Fahrer durch das unwegige Gebiet nach Loolepo führen sollte, auf dem Motorrad mitgenommen. Das Auto war gepackt a la Tetris. Birgit auf der Rückbank im Kofferraum war nicht mehr sichtbar, so zugepackt mit all unseren Mitbringsel.










Doch nichts hätte uns auf den Moment vorbereiten können, als wir Loolepo erreichten.
Schon von Weitem kamen uns Hunderte Maasai singend entgegen. Kinder, Frauen und Männer liefen unserem Fahrzeug jubelnd entgegen. Es wurde gesungen, getanzt, gelacht und umarmt. Die Wiedersehensfreude war unbeschreiblich. Gemeinsam gingen wir zur Schule, wo uns ein festliches Programm erwartete. Alle Klassen hatten Tänze und Lieder vorbereitet. Der Chief, der Schulleiter, Vertreter des Education Office und Elternvertreter und Viele mehr hielten Ansprachen. Mit großem Stolz konnten wir anschließend die beiden neu errichteten Klassenräume sowie den neuen Schulzaun offiziell einweihen – ein weiterer Meilenstein für die Zukunft der Kinder von Loolepo. Natürlich wurden auch die mitgebrachten Spenden verteilt. Schuhe, Kleidung, Koffer, gebrauchte Mobiltelefone und viele andere Dinge wechselten ihre Besitzer. Was uns dabei jedes Mal aufs Neue tief berührt, ist die Dankbarkeit der Menschen. Freude wird geteilt. Neid scheint hier kaum eine Rolle zu spielen. Zurück im Kral meiner Boma wurde gemeinsam gegessen. Ein Fotobuch mit Bildern des Vorjahres weckte viele Erinnerungen und ließ alle noch einmal auf die Entwicklungen des vergangenen Jahres zurückblicken.











Unser Zuhause während dieser Tage war wieder meine traditionelle Maasai-Boma mit dem traumhaften Blick auf den Kilimandscharo. Gemeinsam verbesserten wir die Wasserversorgung, richteten die Außendusche her und installierten ein Solarpanel, damit nachts Licht im Kral vorhanden vorhanden war. Das Leben spielte sich jedoch überwiegend draußen ab.
Täglich kamen über den Tag verteilt etwa fünfzig Besucher zu uns. Wir tranken gemeinsam Tee, aßen Kekse aus Deutschland, erzählten Geschichten, sangen, tanzten und verbrachten abends viele Stunden am Lagerfeuer unter einem Sternenhimmel, der schöner kaum sein könnte.
Ein ganz besonderer Moment war die Einladung in den Kreis der Maasai-Männer – ein Bereich, der traditionell ausschließlich Männern vorbehalten ist. Voller Stolz zeigten sie uns ihre Zusammenkunft. Gemeinsam wurde aus Kräutern, Rinderknochen und Blut eine traditionelle Suppe gekocht und anschließend mit langen Holzstäben in einer Art Wettbewerb schaumig aufgeschlagen. Wenn Maasai-Männer zusammensitzen, erinnert ihre lebhafte Art manchmal an einen Schwarm Papageien. Sie reden ununterbrochen, lachen, diskutieren und genießen einfach das Zusammensein. Gemeinschaft wird hier gelebt. In den vergangenen Jahren haben sie außerdem ihre Freude am Fotografiert- und Gefilmt werden entdeckt. Fordert man sie auf zu lächeln, schauen viele zunächst ganz ernst in die Kamera. Sehen sie sich anschließend auf den Bildern, brechen sie oft in schallendes Gelächter aus. Viele besitzen keinen Spiegel. Sich selbst lachen zu sehen, ist für sie etwas ganz Besonderes.








Wir besuchten auch Bomas einzelner Familien. Mit großem Stolz wurde Birgit jedes Detail ihres Lebens gezeigt. Gleichzeitig wurde uns erneut bewusst, unter welch einfachen Bedingungen viele Menschen noch immer leben. Immer wieder steigen mir bei solchen Besuchen die Tränen in die Augen. Unsere eigene Boma erschien uns dagegen wie eine Fünf-Sterne-Unterkunft. Besonders beeindruckend sind für mich die Frauen der Maasai. Sie tragen die Hauptlast des täglichen Lebens. Sie bauen die Bomas, laufen kilometerweit, um Wasser zu holen, sammeln Feuerholz, kochen, waschen, versorgen die Kinder und tragen oft Jahr für Jahr die Verantwortung für eine wachsende Familie. Ohne sie würde das Leben in der Community nicht funktionieren. Ich habe selten Menschen erlebt, die körperlich so hart arbeiten. Leider erleben viele Frauen noch immer häusliche Gewalt. Auch dieses Thema sprechen wir seit Jahren offen an. Gemeinsam mit Frauen und Männern diskutieren wir über Respekt, Gleichberechtigung und Verantwortung. Ich mache dabei keinen Hehl daraus, dass Gewalt gegen Frauen niemals zu rechtfertigen ist und weder Stärke noch Respekt erzeugt. Wahre Stärke zeigt sich im respektvollen Umgang miteinander. Die Frauen berichten inzwischen, dass sich in den vergangenen zwei bis drei Jahren vieles verändert hat. Die jüngere Generation denkt anders. Frauen erfahren mehr Wertschätzung und traditionelle Rollenbilder beginnen sich langsam zu verändern. Ein besonders hoffnungsvoller Schritt ist gelungen: Die weibliche Genitalverstümmelung wird in unserer Community nicht mehr praktiziert. Als wir vor einigen Jahren über den Bau eines Geburtshauses sprachen, haben wir deutlich gemacht, dass dieses Projekt nur umgesetzt werden kann, wenn diese Praxis beendet wird. In den Gesprächen fließen oft Tränen. Viele Frauen können heute selbst nicht mehr erklären, warum diese Tradition überhaupt fortgeführt wurde. Umso bewegender ist es zu erleben, dass inzwischen auch Männer an diesen Gesprächen teilnehmen und Veränderung mittragen.




















Auch in der Schule begleiteten wir den Unterricht und die Essensausgabe. Gemeinsam mit dem neuen Schulleiter sprachen wir über Umweltbewusstsein, Müllvermeidung und darüber, dass körperliche Bestrafungen laut kenianischer Verfassung verboten sind. Erziehung bedeutet Vorbild zu sein. Respekt entsteht durch Vertrauen – nicht durch Angst. Es war schön zu erleben, dass diese Gedanken auf offene Ohren stießen.


















Besonders viel Freude bereiteten die gemeinsamen Gesellschaftsspiele. Erst seit 2025 kennen die Masai diese Spiele, damals spielten wir Memory und puzzelten. Diesmal wurde das Spielerepertoire um UNO, Mensch ärgere Dich nicht und Kniffel erweitert. Die Masai sind mit großer Begeisterung dabei und forderten sich täglich neue Spielerunden ein.“ Mensch ärgere Dich nicht“ wurde der Favorit. Welch Ehrgeiz und welche Schadenfreude und vermeintliche Tricks, den Würfel zu manipulieren dabei zutage kamen, führte zur allgemeinen Erheiterung. Einzelne Spieler erhielten unterdessen spezielle Nicknames während des Spiels, die dann sogar darüber hinaus, zur Belustigung aller, bestehen blieben. Diese Momente möchte man festhalten.























Ein weiteres unvergessliches Erlebnis war unsere gemeinsame Wanderung zum Fluss. Begleitet wurden wir von mehreren Maasai-Männern, die uns mit sichtbarem Stolz ihre Heimat zeigten. Als wir den Fluss erreichten und über die glitschigen Steine laufen wollten, sorgten wir zunächst für großes Gelächter. Während unsere Begleiter selbstverständlich barfuß über die Steine balancierten, stellten wir uns dabei alles andere als geschickt an. Kurzerhand zogen zwei der Männer ihre traditionellen Maasai-Sandalen aus – aus alten Autoreifen gefertigt – und überließen sie uns ganz selbstverständlich. So konnten wir unseren Weg durch den Fluss fortsetzen. Für uns war diese spontane Hilfsbereitschaft ebenso selbstverständlich wie rührend. Am Fluss angekommen, entwickelte sich aus purer Lebensfreude plötzlich eine ausgelassene Wasserschlacht. Es wurde gespritzt, gelacht und herumgealbert wie unter Kindern. Wenige Minuten später waren wir alle klatschnass. Auf dem Rückweg war das allerdings eher ein Vorteil, denn so ließ sich die Hitze deutlich besser ertragen. Unterwegs pflückten unsere Begleiter noch kleine essbare Früchte von den Büschen, die herrlich säuerlich schmeckten und uns neugierig probieren ließen. Es sind genau diese ungeplanten Momente voller Herzlichkeit, Lachen und Leichtigkeit, die sich tief ins Herz einprägen. Sie erinnern uns daran, dass Freundschaft keine gemeinsame Sprache braucht, sondern gemeinsame Erlebnisse.

















Leider gibt es auch weiterhin große Herausforderungen. Die seit Jahren versprochene staatliche Krankenstation ist bis heute nicht fertiggestellt. Trotz bewilligter Gelder, wechselnder Baufirmen und zahlreicher Versprechen steht dort noch immer eine Bauruine. Direkt an dieses Projekt ist der Bau unseres geplanten Geburtshauses gekoppelt. Die Spendengelder dafür stehen seit Jahren bereit. Nun hoffen wir, dass die Politik ihrer Verantwortung endlich gerecht wird.

























Zum Ende unseres Aufenthaltes überraschte uns heftiger Regen, der für diese Jahreszeit völlig untypisch ist. Innerhalb kürzester Zeit wurde meine Boma überflutet. Mehrere Frauen suchten bei uns Schutz und mussten zunächst fast überredet werden, die Boma zu betreten – so groß ist ihr Respekt. Wenig später sorgten zwei Maasai-Männer mit Wischmopp für allgemeine Heiterkeit, als sie versuchten, die Wassermassen aus der Hütte zu schieben. Ich musste schmunzeln, denn seit Jahren necke ich die Männer damit, dass sie ihre Frauen viel zu viel arbeiten lassen. Vielleicht hat meine kleine „Anklage“ ja tatsächlich ein wenig Wirkung gezeigt.
Da keine Wetterbesserung in Sicht war, mussten wir unseren Aufenthalt schweren Herzens früher als geplant beenden, denn wenn die Flüsse weiter anschwellen, kann es passieren, dass für einige Tage/Wochen kein Durchkommen mehr ist. Die nicht vorhandene Infrastruktur führt dann dazu, dass die Communities jenseits des Flusses mehr oder minder von der Welt „abgeschnitten“ sind.
















Die Rückfahrt entwickelte sich zu einem Abenteuer. Im kleinen Toyota Probox ohne Allrad Antrieb kämpften wir uns durch tiefen Schlamm, mussten immer wieder aussteigen, laufen und schließlich sogar einen angeschwollenen Fluss durchqueren. Erst nach drei Stunden für gerade einmal 35 Kilometer erreichten wir ziemlich verdreckt und erschöpft, aber erleichtert Loitokitok.
Nach einer letzten Nacht im Mountain View Hotel brachte uns der Überlandbus zurück nach Mombasa, elf Stunden Fahrt ohne Klimaanlage. Als einzige zwei weiße Frauen zwischen ausschließlich einheimischen Fahrgästen zogen wir viele neugierige Blicke auf uns.
















Wenn ich heute auf diese Reise zurückblicke, denke ich nicht
zuerst an Schlamm, Korruption oder Rückschläge. Ich denke an die singenden
Menschen, an Kinderlachen, an Gespräche am Lagerfeuer, an unzählige Umarmungen
und an das Gefühl, angekommen zu sein. Veränderung braucht Zeit. Ich sage oft
mit einem Lächeln: „Es waren Jahre mit zehn Schritten vorwärts und neun
Schritten zurück.“ Doch entscheidend ist der eine Schritt nach vorn. Genau
dieser Schritt gibt Hoffnung. Von Herzen danke ich allen Mitgliedern, Patinnen
und Paten, Spenderinnen und Spendern sowie allen Freundinnen und Freunden von
Tuko Pamoja Kenya e.V.. Ohne ihre Unterstützung wären all diese Entwicklungen
nicht möglich gewesen.
Loolepo ist weit mehr als ein Projekt. Es ist ein Ort der,
Freundschaft, der Hoffnung und des gegenseitigen Vertrauens.













Ashe Oleng – Vielen Dank!





